... November 2003

Das Wetterfenster im Glockenturm 

Auf unserem Monatsblatt im Kalender sehen wir ein Fenster. Es ist das Wetterfenster in unserer Dorfkirche und befindet sich an der dem Westen zugerichteten Kirchturmseite. Durch dieses Fenster sieht man das Wetter heranziehen. Die Westseite ist in unseren regionalen Breiten die Wetterseite. Wahrscheinlich hat man aus diesem Grund auch an der Westseite kein Zifferblatt der Kirchturmuhr angebracht. Die Uhr wäre mit ihrem mechanischen Zeigerwerk dem direkten Wetterschlag ausgesetzt und somit besonders anfällig, wenn es darum geht, die gebotene Stunde richtig anzuzeigen. Stattdessen befindet sich ein Fenster in luftiger Höhe an gleicher Stelle. Es ist ein kleines Fenster. Wahrscheinlich wegen dem Wetter. Doch was haben die Planer erwogen, dieses kleine Fenster einzubauen, obwohl kaum ein Mensch durch dieses Fenster schauen wird. Fern ab von der Ă–ffentlichkeit, fern ab von jeglichem Publikumsverkehr lässt unser Fenster ein Blick nach Westen zu. Wollte man die Fassade auflockern, ein Stockwerk dadurch sichtbar werden lassen ? – Dagegen spricht, dass das Fenster direkt ĂĽber dem Dachgiebel liegt. Vom Betrachter bleibt es meist unbeachtet. Vielleicht verbirgt sich dahinter ein anderer Sinn. Unser Fenster als Symbol. Ein Fenster verbindet die Aussenwelt mit dem Innenraum, holt die Natur ins Haus. Das Fenster macht die festen und stabilen Mauern transparent. Dadurch kann man förmlich durch die Mauer hindurch sehen und Lichtstrahlen werden ins Innere geleitet. Tageslicht erfĂĽllt den Raum, Licht gelangt in den Raum des mechanischen Getriebes der Turmuhrzeiger. Zutritt zu diesem Raum hat nur derjenige, der die Uhr am Laufen hält. Derjenige, der fĂĽr den richtigen Gang der Uhr zuständig ist. Der aufpassen muss, dass kein Körnchen Sand ins Getriebe kommt, das den Lauf der Uhr stört. Vielleicht hat man an diesen Menschen gedacht, als man das Fenster eingebaut hat. Vielleicht ist das Licht, das durch das Fenster in den Raum fällt, Beleuchtung fĂĽr laufende Wartungsarbeiten, fĂĽr das Ă–len des Uhrgetriebes zum Beispiel. DafĂĽr spricht, dass unweit des Fensters bis heute ein Ă–lfläschchen steht. FrĂĽher musste man die Uhr noch regelmässig mit der Hand aufziehen und der Stand der Zeiger gab nur die ungefähre Zeit an. Sollte unser Fenster nur zur Beleuchtung dienen oder sollte uns das Wetterfenster neben der Uhrzeit auch die gerade herrschende Jahreszeit präsentieren ? – Wir wissen es nicht. Vielleicht aber will unser kleines Fenster uns klar machen, dass der Lauf der Sonne schon viel frĂĽher die Tageszeit angesagt hat als die durch Menschenhand gebaute Uhr mit ihrer kĂĽnstlichen Einteilung des Tages in 24 Stunden und die Stunde in 60 Minuten. Der natĂĽrliche Zeitablauf der Sonne, der uns die Zeit auf Erden anzeigt und den Tag mit ihrem Untergang beschliesst, läuft anders als unser normiertes Zeitverständnis. Vielleicht haben sich auch aus diesem Grund die vielen Fliegen auf dem Fenstersims unseres Wetterfensters genau diese Stelle zum Sterben ausgesucht.    

 

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